Archiv der Kategorie: Kapital und Lohnarbeit

Blockupy – I don’t know why

Warum die Blockupy-Aktionstage einer Kritik der Gesellschaft im Weg stehen

Blockupy hat sich als breites Bündnis zum Zwecke des Protests gegen die europäische Krisenpolitik gegründet. Zentraler Höhepunkt der Aktionstage ist die Blockade der Europäischen Zentralbank. Protest scheint angesichts der Krise und dem stattfindenden Klassenkampf von oben sinnvoll. In den Protesten selbst kommt jedoch vor allem ein Ressentiment zum Ausdruck, das nichts mit emanzipatorischer Kritik zu tun hat.

Am deutlichsten wird das wohl im Ausspruch „Wir schulden nichts, wir zahlen nichts“, der auch im Aufruf zitiert wird. Hier machen sich die Demonstrierenden zu Opfern und die Politiker und Unternehmen zu Tätern; sie trennen zwischen den guten, kleinen Leuten und einer korrupten Kaste der Mächtigen, den Profiteuren der Krise. Diese Trennung ist jedoch mehrfach falsch. Tatsächlich haben sich viele Menschen in Europa verschuldet und jahrelang von der europäischen Politik und dem größeren Binnenmarkt profitiert. Die Trennung zwischen den leidtragenden kleinen Leuten und den skrupellosen Krisengewinner_innen legt außerdem nahe, dass die aktuelle Gesellschaftsform eigentlich gut für die Menschen ist und nur ein paar europäische Halunken die Krise ausgeheckt haben, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber unabhängig von jeder Krise ist der kapitalistische Alltag schon selbst das Problem: Auch in Zeiten des Wirtschaftswachstums sterben Menschen an Hunger, obwohl es genügend Lebensmittel gibt.
Gleichzeitig dient diese Aufspaltung in gutes Volk und schlechte Herrscher_innen der Beruhigung des eigenen Gewissens. So kann man Gefühle, die jede_r in dieser Gesellschaft notwendigerweise verspüren muss, die aber moralisch verwerflich sind, auf die Mächtigen projizieren. Gierig und unmenschlich – und damit schuldig – sind also immer die anderen. Man selbst fühlt sich um das sauer verdiente Geld, seine Rechte und seine Würde betrogen.

Als „Herz des europäischen Krisenregimes“ gilt Blockupy die Europäische Zentralbank. Sie ist das Hauptziel der Proteste und Blockaden und vereint dem Namen nach alles, was die Leute wütend macht: Supranationale Institutionen und den Finanzsektor. Beide Bereiche werden im Alltagsverständnis der Realwirtschaft, der sozialen Marktwirtschaft und dem Nationalstaat gegenübergestellt. Als allein gierig und gleichzeitig unnötig gesehen, ziehen Banken und EU-Bürokratie den Hass der ehrlichen Steuerzahler_innen auf sich. Für sie riechen beide Bereiche nach Machenschaft und Intransparenz. Die Trennung von ehrlicher, verwurzelter Arbeit und dem international frei flottierenden Geld, das sich anscheinend aus Zinseszinsen ohne Arbeit selber schafft, gab es aber schon im Nationalsozialismus. Diese falsche Trennung ist der Kern eines völkischen Antikapitalismus, der auch bei Blockupy die meisten auf die Straße treibt, ohne dass sie dies so intendiert hätten. Er bleibt auch dann falsch und reaktionär, wenn das Geld, wie bei den Nazis, nicht offen mit den Juden gleichgesetzt wird. Dass sich in diesem Weltbild Nazis und Blockupierer_innen ähnlich sind, auch wenn Blockupierer_innen lieber die Polizei als Migrant_innen verprügeln, zeigt die versuchte NPD-Kundgebung am 1. Mai in Frankfurt.

Zwar gibt sich der Protest antiautoritär, ist aber gleichzeitig staatsfixiert, weil die Logik dieses Protests darauf hinausläuft, den korrupten Staat durch einen Volksstaat zu ersetzen und das Volk jetzt mal wirklich zum Souverän zu machen. Man unterliegt also dem Schein, dass es in der Demokratie um die Vertretung der Bevölkerung geht und ist jetzt, wo es einem potentiell selbst (und nicht nur den Flüchtlingen) an den Kragen geht, wütend, dass einen der ach so gute Staat dann doch nicht beschützt.

Blockupy ist der Form nach eine Gruppentherapie: Die meisten Teilnehmer_innen sind Wutbürger_innen, die bei Blockupy erfahren, dass sie in ihrer Wut nicht alleine sind. Für ein paar Tage kommt man sich so vor, als sei man Teil einer mächtigen Bewegung. Gleichzeitig hat man in Form der Polizei und dem EZB-Gebäude konkrete Gegner, an denen man sich abarbeiten kann. Wer Tränengas ins Auge bekommt, kann sich also doppelt als Opfer und Mensch fühlen. Die Schwierigkeit, wenn nicht gar Unmöglichkeit, die Krise zu verstehen und wirklich etwas dagegen zu unternehmen, wird für ein paar Tage scheinbar aufgehoben. Die Ohnmacht angesichts der Verhältnisse und die Vereinzelung verschwindet in den Menschenmassen der Demos, Zeltstädte und Blockaden.
Auch Linksradikalen dient Blockupy der Beruhigung des eigenen Gewissens: Hauptsache man macht etwas; zum Beispiel den europäischen Bündnispartner_innen und sich selbst vorgaukeln, dass es in Deutschland ernstzunehmende Proteste gegen die Regierung gibt. Die Wut wird dann auf jene gerichtet, die nicht mitmachen wollen: etwa im gesonderten Aufruf von „ums Ganze“ und „Interventionistische Linke“, der die Nicht-Teilnahme als zynisch und unsolidarisch geißelt.

Wer glaubt, im Sinne der Kritik innerhalb der Blockupy-Bewegung intervenieren zu können, verschließt die Augen vor dem Ressentiment, dass die Leute auch in Spanien und Griechenland auf die Straße bringt. Wer eine ernsthafte Kritik der politischen Ökonomie vorantreiben will, kann das nur gegen Blockupy tun. Ein antikapitalistischer Block auf der Demo geht im Gesamtbild der Stuttgart-21-Gegner und Zinskritiker unter. Die Tatsache, dass eine sinnvolle politische Aktion, wie ein Generalstreik, in Deutschland unmöglich ist, verweist auf die aktuelle Staatshörigkeit der Deutschen. Blockupy ist nichts als eine aktionistische Notlösung, die Handlungsfähigkeit suggeriert, wo keine da ist. Ihr Protest ist ebenso in den kapitalistischen Normalbetrieb eingebaut, wie ein dreitägiges Musikfestival. Nach der Teilnahme an diesem Event ist die Wut abgebaut, sind die medialen Bilder produziert, ist der Protest systemstabilisierend kanalisiert worden.

Die aktuelle Krise bringt viele Menschen in eine existenzielle Notlage, in Europa und anderswo. Dass aber der Großteil der Gesellschaft dies ebenso hinnimmt, wie er schon in krisenfreien Zeiten globale Probleme schulterzuckend hingenommen hat, verweist auf den Mangel linker Verelendungstheorien. Angesichts der deutschen Krisenreaktionen der letzten hundert Jahre kann man aber auch froh sein, dass sich die Deutschen gerade noch zu den Krisengewinnern zählen, und sich mittelständische Abstiegsängste in Grenzen halten.

Ja, Kritik ist notwendig. Doch ist das Üben von Kritik leider auch mit Arbeit verbunden. Denn komplexe Problemlagen erfordern komplexe Analysen. Lest Marx, lest Hegel, lest Adorno!

Kulturindustrie – Seminarreader Semptember 2005

Tagesseminar von JD/JL : 17.09.05

als pdf: Kulturindustrie2.pdf 321.27 Kb

Inhalt

  • Theodor W. Adorno, Max Horkheimer:
    • Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug.
    • in: dies: Dialektik der Aufklärung, Fischer: Frankfurt a.M, 2003, 128- 176.
  • Roger Behrens:
    • Die Rückkehr der Musikindustriethese als Dance-floorversion. Episode 1.
    • in: ders.: Die Diktatur der Angepassten, Texte zur kritischen Theorie der Popkultur, transcript Verlag: Bielefeld, 2003, 165-188.
  • Martin Büsser: „Schwerter zu Kulturwaren“.
    • in Testcard. Beiträge zur Popgeschichte #5, Dez. 1997, Testcard-Verlag: Mainz, 86-93.
  • Roger Behrens:
    • Melodien für Millionen, Anmerkungen zu Klassik-Bestsellern.
    • in: Testcard #5, 192-203.
  • Andreas Benl, Stefan Müller:
    • Die Kulturindustriethese, Adorno und die situationistische Spektakel-Theorie.
    • in: Testcard #5, 250-257
  • Christoph Hesse:
    • Kulturindustrie.
    • in: Rote Ruhr Uni online, http://www.rote-ruhr-uni.com/texte/hesse_kulturindustrie.shtml
  • Gruppe Franfurter Kranz:
    • Der Auftrag zum Mitmachen, kulturindustrielle Propaganda für das flexibilisierte Arbeitssubjekt.
    • in: Sinistra! online, http://www.copyriot.com/sinistra/magazine/sin04/mitmach.html
  • Zora Krasnova:
    • Tausend Tanzflächen. Ein Diskurs, „Ethno/Weltmusik” und die Kulturalisierung des Urbanen.
    • in: Sinistra! online, http://www.copyriot.com/sinistra/magazine/sin05/tanz.html
  • Jan Gerber:
    • Lautsprecher der Mehrheit, Zur Verspießerung der deutschen Punkszene.
    • in: Bahamas #46, Winter 2005, Berlin. online: http://www.redaktion-bahamas.org/
  • Marvin Alster:
    • „Wir sind Wir“, Das popkulturelle Deutschland fährt völkisches Geschütz auf.
    • in: Textsammlung auf I can’t relax in Deutschland online, http://www.icantrelaxin.de/texte/text-wirsindwir.html
  • Jeannie Bubblegum:
    • Etwas besseres für die Nation, deutscher Pop an der Front.
    • in: Sinistra! online, http://www.copyriot.com/sinistra/magazine/sin04/natpop.html

Kapitalismus-Kritik – Seminarreader Februar 2007

Seminarreader | Tagesseminar 04.02.2007
Kapitalismuskritik

Als pdf: kapitalismuskritik.pdf 1.84 Mb

Und als Plain-Text:

Einführung

Part I

Tagesseminar
„Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie von Karl Marx“
Die drei folgenden kurzen Texte sollen zur Vorbereitung auf dieses Seminar dienen. Der ers-
te Text charakterisiert auf einer ganz allgemeinen Ebene Kapitalismus als eine historisch
spezifische Produktionsweise. Die beiden anderen Texte beleuchten die Differenz zwischen
dem Marxschen Unternehmen einer „Kritik der politischen Ökonomie“ und dem System eines
umfassenden weltanschaulichen „Marxismus“, der sich in der Geschichte der Arbeiterbewe-
gung herausgebildet und als Legitimationsideologie von Parteien und „sozialistischen Staa-
ten“ gedient hat. Die drei Texte sind (teilweise gekürzte) Abschnitte aus: Michael Heinrich,
Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Stuttgart: Schmetterling Verlag, 4. Aufl.
2006. Ausgehend von diesen Texten (aber auch über sie hinausgehend) soll es um den
Marxschen Kritikbegriff, um den Gegenstand und die Abstraktionsebene des Marxschen
„Kapitals“ und um die Anfangsgründe der Marschen Wert-, Geld-, und Kapitaltheorie gehen.
Was ist Kapitalismus?
Die gegenwärtigen Gesellschaften sind von einer Vielzahl von Herrschafts- und Unterdrü-
ckungsverhältnissen durchzogen, die sich in unterschiedlichen Formen zeigen. Wir finden
asymmetrische Geschlechterverhältnisse, rassistische Diskriminierungen, enorme Besitzun-
terschiede mit entsprechenden Unterschieden im gesellschaftlichen Einfluss, antisemitische
Stereotypen, Diskriminierung bestimmter sexueller Orientierungen. Über den Zusammen-
hang dieser Herrschaftsverhältnisse und insbesondere über die Frage, ob eines davon fun-
damentaler sei als die anderen, wurde schon viel debattiert. Wenn im folgenden ökonomisch
begründete Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnisse im Vordergrund stehen, dann nicht
deshalb, weil es die einzig relevanten Herrschaftsverhältnisse wären. Allerdings kann man
nicht gleichzeitig von allem reden. In Marx’ Kritik der politischen Ökonomie geht es in erster
Linie um die ökonomischen Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft, sie stehen in dieser
Einführung daher im Mittelpunkt. Doch sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass mit
der Analyse der Grundlagen der kapitalistischen Produktionsweise bereits alles Entschei-
dende über kapitalistische Gesellschaften gesagt wäre.
Ob wir in einer „Klassengesellschaft“ leben, scheint vor allem in Deutschland umstritten zu
sein. Hier ist bereits die Verwendung des Begriffs „Klasse“ verpönt. Während Englands erz-
reaktionäre Premierministerin Margret Thatcher keine Probleme hatte von der „working
class“ zu reden, kommt dieses Wort in Deutschland bereits Sozialdemokraten nur schwer
über die Lippen. Hierzulande gibt es nur Arbeitnehmer, Unternehmer, Beamte und vor allem
den „Mittelstand“. Dabei ist die Rede von Klassen keineswegs an sich schon besonders kri-
tisch. Das gilt nicht nur für Vorstellungen von „sozialer Gerechtigkeit“, die einen Ausgleich
zwischen den Klassen suchen, sondern auch für so manche angeblich „linken“ Vorstellungen
von bürgerlicher Politik als einer Art Verschwörung der „herrschenden“ Klasse gegen den
Rest der Gesellschaft.
Dass eine „herrschende Klasse“ einer „beherrschten“ und „ausgebeuteten“ Klasse gege-
nübersteht, mag vielleicht für einen konservativen Sozialkundelehrer, der nur „Bürger“ kennt,
eine Überraschung sein, viel ausgesagt ist damit jedoch noch nicht. Alle uns bekannten Ge-
sellschaften sind „Klassengesellschaften“. „Ausbeutung“ bedeutet zunächst einmal nur, dass

die beherrschte Klasse nicht nur ihren eigenen Lebensunterhalt produziert, sondern auch
den der herrschenden Klasse. Historisch sahen diese Klassen ganz unterschiedlich aus
(Sklaven und Sklavinnen standen im antiken Griechenland den Sklavenbesitzern gegenüber,
leibeigene Bauern im Mittelalter den Grundherren, und im Kapitalismus stehen sich Bour-
geoisie [Besitzbürgertum] und Proletariat [lohnabhängige Arbeiter und Arbeiterinnen] gegen-
über). Entscheidend ist wie Klassenherrschaft und Ausbeutung in einer Gesellschaft funktio-
nieren. Und hier unterscheidet sich der Kapitalismus in zweierlei Hinsicht ganz grundlegend
von vorkapitalistischen Gesellschaften:
(1) In vorkapitalistischen Gesellschaften beruhte die Ausbeutung auf einem persönlichen
Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnis: der Sklave war Eigentum seines Herrn, der
leibeigene Bauer war an den jeweiligen Grundherren gebunden. Der „Herr“ hatte unmit-
telbar Gewalt über den „Knecht“. Gestützt auf diese Gewalt eignete sich der „Herr“ einen
Teil des Produktes an, welches der „Knecht“ herstellte. Unter kapitalistischen Verhältnis-
sen gehen die Lohnarbeiter einen Arbeitsvertrag mit den Kapitalisten ein. Die Lohnarbei-
ter sind formell frei (es gibt keine äußere Gewalt, die sie zum Vertragsabschluß zwingt,
eingegangene Verträge können gekündigt werden) und den Kapitalisten formell gleich ge-
stellt (es gibt zwar die faktischen Vorteile eines großen Besitzes, es gibt aber keine „an-
geborenen“ rechtlichen Privilegien wie in einer Adelsgesellschaft). Ein persönliches Ge-
waltverhältnis existiert nicht, zumindest in den entwickelten kapitalistischen Ländern nicht
als Regel. Für viele Gesellschaftstheoretiker erschien deshalb die bürgerliche Gesell-
schaft mit ihren freien und gleichen Bürgern als Gegenteil der mittelalterlichen Feudalge-
sellschaft mit ihren Standesprivilegien und persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen. Und
viele Ökonomen bestreiten, dass es so etwas wie Ausbeutung im Kapitalismus überhaupt
gibt, und reden zumindest in Deutschland lieber von „Marktwirtschaft“. Hier wirken, so
wird behauptet, verschiedene „Produktionsfaktoren“ (Arbeit, Kapital und Boden) zusam-
men und erhalten dann entsprechende Anteile am Ertrag (Lohn, Profit und Grundrente).
Wie sich Herrschaft und Ausbeutung im Kapitalismus aber gerade vermittels der formellen
Freiheit und Gleichheit der „Tauschpartner“ realisiert, wird später noch diskutiert werden.
2) In vorkapitalistischen Gesellschaften dient die Ausbeutung der beherrschten Klasse in
erster Linie dem Konsum der herrschenden Klasse: deren Mitglieder führen ein luxuriöses
Leben, benutzen den angeeigneten Reichtum zur eigenen oder öffentlichen Erbauung
(Theateraufführungen im antiken Griechenland, Spiele im alten Rom) oder auch um Krie-
ge zu führen. Die Produktion dient unmittelbar der Bedarfsdeckung: der Deckung des
(erzwungenermaßen) einfachen Bedarfs der beherrschten Klasse und des umfangreichen
Luxus- und Kriegsbedarfs der herrschenden Klasse. Nur in Ausnahmefällen wird der von
der herrschenden Klasse angeeignete Reichtum dazu verwendet, die Basis der Ausbeu-
tung zu vergrößern (indem z.B. auf Konsum verzichtet wird und stattdessen noch mehr
Sklaven gekauft werden, so dass diese einen noch größeren Reichtum produzieren kön-
nen). Unter kapitalistischen Verhältnissen ist dies aber der typische Fall. Der Gewinn ei-
nes kapitalistischen Unternehmens dient nicht in erster Linie dazu, dem Kapitalisten ein
angenehmes Leben zu ermöglichen, der Gewinn soll vielmehr erneut investiert werden,
damit in Zukunft noch mehr Gewinn gemacht wird. Nicht Bedarfsdeckung, sondern Kapi-
talverwertung ist der unmittelbare Zweck der Produktion, Bedarfsdeckung und damit auch
das angenehme Leben des Kapitalisten ist nur ein Nebenprodukt dieses Prozesses, aber

nicht sein Zweck: sind die Gewinne groß genug, dann genügt bereits ein kleiner Teil da-
von, um das luxuriöse Leben des Kapitalisten zu finanzieren, der größte Teil kann für die
„Akkumulation“ (die Vergrößerung des Kapitals) benutzt werden.
Dass der Gewinn nicht in erster Linie dem Konsum des Kapitalisten dient, sondern der
beständigen Kapitalverwertung, d.h. der rastlosen Bewegung des immer noch mehr Ge-
winnens, hört sich vielleicht absurd an. Doch geht es hier nicht um eine individuelle Ver-
rücktheit. Die einzelnen Kapitalisten werden zu dieser Bewegung des rastlosen Gewin-
nens (beständige Akkumulation, Ausweitung der Produktion, Einführung neuer Techniken
etc.) durch die Konkurrenz der anderen Kapitalisten gezwungen: wird nicht akkumuliert,
wird nicht der Produktionsapparat ständig modernisiert, droht das eigene Unternehmen
von Konkurrenten, die billiger produzieren oder bessere Produkte herstellen, überrollt zu
werden. Will sich ein einzelner Kapitalist der ständigen Akkumulation und Innovation ent-
ziehen, droht ihm der Bankrott. Er ist deshalb gezwungen mitzumachen, ob er will oder
nicht. „Maßloses Gewinnstreben“ ist im Kapitalismus kein moralischer Mangel der Einzel-
nen, sondern notwendig, um als Kapitalist zu überleben. Wie in den nächsten Kapiteln
noch deutlicher werden wird, beruht der Kapitalismus auf einem systemischen Herr-
schaftsverhältnis, das Zwänge produziert, denen sowohl die Arbeiter und Arbeiterinnen
als auch die Kapitalisten unterworfen sind. Daher greift auch eine Kritik zu kurz, die auf
das „maßlose Gewinnstreben“ einzelner Kapitalisten, nicht aber auf das kapitalistische
System als Ganzes abzielt.
Unter Kapital verstehen wir (vorläufig, später wird es präziser) eine bestimmte Wertsum-
me, deren Zweck es ist, sich zu „verwerten“, d.h. Gewinn abzuwerfen. Dabei kann dieser
Gewinn auf unterschiedliche Weise erzielt werden. Beim zinstragenden Kapital wird Geld
gegen Zins verliehen. Der Zins bildet hier den Gewinn. Beim Handelskapital werden Produk-
te an einem Ort billig gekauft und an einem anderen Ort (oder zu einer anderen Zeit) teurer
verkauft. Die Differenz zwischen Einkaufspreis und Verkaufspreis bildet (abzüglich anfallen-
der Unkosten) den Gewinn. Beim industriellen Kapital wird schließlich der Produktionspro-
zess selbst kapitalistisch organisiert: Kapital wird zum Kauf von Produktionsmitteln (Maschi-
nen, Rohstoffen) und der Beschäftigung von Arbeitskräften vorgeschossen, so dass ein Pro-
duktionsprozess unter der Leitung des Kapitalisten (oder seiner Beauftragten) zustande
kommt. Die hergestellten Produkte werden verkauft. Liegt ihr Erlös über den für Produkti-
onsmittel und Löhne aufgewendeten Kosten, dann hat sich das ursprünglich vorgeschossene
Kapital nicht nur reproduziert, sondern auch noch einen Gewinn abgeworfen. Kapital in der eben skizzierten Bedeutung (vor allem als zinstragendes und als Handels-
kapital, weniger als industrielles Kapital) hat es in praktisch allen Gesellschaften gegeben,
die Tausch und Geld kannten, allerdings spielte es meistens nur eine untergeordnete Rolle,
während die Produktion für den Bedarf dominierte. Von Kapitalismus kann man erst spre-
chen, wenn der Handel und vor allem die Produktion überwiegend kapitalistisch (also ge-
winn- und nicht mehr bedarfsorientiert) betrieben werden. Kapitalismus in diesem Sinne ist
eine vorwiegend neuzeitlich-europäische Erscheinung.
Die Wurzeln dieser neuzeitlichen kapitalistischen Entwicklung reichen in Europa bis ins
Hochmittelalter zurück. Zunächst wurde der Fernhandel auf kapitalistischer Basis organisiert,
wobei die mittelalterlichen „Kreuzzüge“ – großangelegte Raubkriege – eine wichtige Rolle für
die Ausweitung des Handels spielten. Allmählich begannen dann die Kaufleute, die zunächst

nur vorgefundene Produkte gekauft und an einem anderen Ort wieder verkauft hatten, die
Produktion zu kontrollieren: sie gaben bestimmte Produkte in Auftrag, schossen die Kosten
für das Rohmaterial vor und diktierten den Preis, zu dem sie das fertige Produkt abnahmen.
Den richtigen Aufschwung erfuhr die Entwicklung europäischer Kultur und europäischen
Kapitals dann im 16. und 17. Jahrhundert. Was in Schulbüchern gerne als „Zeitalter der Ent-
deckungen“ bezeichnet wird, fasste Marx folgendermaßen zusammen:
„Die Entdeckung der Gold- und Silberländer in Amerika, die Ausrottung, Versklavung und
Vergrabung der eingebornen Bevölkerung in die Bergwerke, die beginnende Eroberung und
Ausplünderung von Ostindien, die Verwandlung von Afrika in ein Geheg zur Handelsjagd auf
Schwarzhäute bezeichnen die Morgenröte der kapitalistischen Produktionsära. (…) Der au-
ßerhalb Europa direkt durch Plünderung, Versklavung und Raubmord erbeutete Schatz floß
ins Mutterland zurück und verwandelte sich hier in Kapital.“ (MEW 23, S.779, 781)
Innerhalb Europas ergriff die kapitalistische Produktion immer weitere Bereiche, es ent-
standen Manufakturen und Fabriken, und neben den kaufmännischen Kapitalisten etablier-
ten sich schließlich industrielle Kapitalisten, die in immer größeren Produktionsanlagen im-
mer mehr Arbeitskräfte als Lohnarbeiter beschäftigten. Im späten 18. und frühen 19. Jahr-
hundert entwickelte sich dieser Industriekapitalismus zunächst in England, im 19. Jahrhun-
dert zogen dann Frankreich, Deutschland und die USA nach. Im 20. Jahrhundert kam es zur
Durchkapitalisierung fast der gesamten Welt, aber auch zum Versuch einiger Länder wie
Russland oder China sich dieser Entwicklung durch den Aufbau eines „sozialistischen Sys-
tems“ (vgl. dazu Kapitel 12) zu entziehen. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der
Orientierung Chinas auf marktwirtschaftlich-kapitalistische Strukturen kennt der Kapitalismus
zu Beginn des 21. Jahrhunderts zumindest geographisch keine Grenzen mehr. Zwar ist noch
längst nicht die gesamte Welt durchkapitalisiert (wie ein Blick auf große Teile Afrikas zeigt),
aber nicht weil der Kapitalismus auf Widerstand stoßen würde, sondern weil die Verwer-
tungsbedingungen unterschiedlich günstig sind und Kapital immer nach den besten Ge-
winnmöglichkeiten sucht und die weniger günstigen erst einmal links liegen lässt (vgl. zur
Einführung in die Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus Conert 1998).
Marx und der „Marxismus“
Weithin bekannt wurden Marx und Engels durch das 1848 (kurz vor Ausbruch der 1848er
Revolution) erschienene Manifest der Kommunistischen Partei, einer Programmschrift, die
sie im Auftrag des „Bundes der Kommunisten“ verfassten, einer kleinen revolutionären
Gruppe, die nur kurz existierte. Im Kommunistischen Manifest skizzierten sie sehr knapp und
in einer überaus prägnanten Sprache den Aufstieg des Kapitalismus, den immer schärfer
hervortretenden Klassengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat und die Unaus-
weichlichkeit einer proletarischen Revolution. Diese Revolution sollte zu einer kommunisti-
schen, auf der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln beruhenden Gesell-
schaft führen.
Nach der Niederschlagung der Revolution von 1848 musste Marx aus Deutschland fliehen.
Er übersiedelte nach London, damals das kapitalistische Zentrum schlechthin und damit der
beste Ort, um die Entwicklung des Kapitalismus zu studieren. Darüber hinaus konnte er in
London auch auf die riesige Bibliothek des British Museum zurückgreifen.
Das Kommunistische Manifest war eher einer genialen Intuition als tiefgreifender wissen-

schaftlicher Kenntnis entsprungen (einige Aussagen, wie etwa die behauptete Tendenz einer
absoluten Verelendung der Arbeiter, wurden später revidiert). Zwar hatte sich Marx schon in
den 1840er Jahren mit ökonomischer Literatur beschäftigt, eine umfassende und vertiefte
wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der politischen Ökonomie begann aber erst in
London. Sie führte ihn Ende der 1850er Jahre zum Projekt einer auf mehrere Bücher ange-
legten „Kritik der politischen Ökonomie“ (als „politische Ökonomie“ wurde im 19. Jh. ungefähr
das bezeichnet, was heute Volkswirtschaftslehre genannt wird). Bis zu seinem Lebensende
arbeitete Marx an diesem Projekt, konnte aber nur weniges veröffentlichen: 1859 erschien
als Auftakt Zur Kritik der politischen Ökonomie. Erstes Heft, eine kleine Schrift über Ware
und Geld, die aber nicht fortgesetzt wurde. Stattdessen kam 1867 der erste Band des Kapital
heraus. Erst nach Marx’ Tod wurden 1885 und 1894 die Bände zwei und drei von Friedrich
Engels herausgegeben.
Für die sozialdemokratischen Parteien bildeten Marx und Engels eine Art „think tank“: sie
standen in Briefwechsel mit vielen Parteiführern und schrieben Artikel für die sozialdemokra-
tische Presse. Zu den unterschiedlichsten politischen und wissenschaftlichen Fragen wurde
um ihre Stellungnahme gebeten. Am größten war ihr Einfluss in der 1869 gegründeten deut-
schen sozialdemokratischen Partei, die sich besonders schnell entwickelte und den anderen
Parteien gegenüber bald eine Vorbildfunktion einnahm.
Für die Sozialdemokratie verfasste Engels eine Reihe von popularisierenden Schriften.
Vor allem sein Anti-Dühring und die in viele Sprachen übersetzte Kurzfassung Die Entwick-
lung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft gehörten vor dem ersten Weltkrieg in
der Arbeiterbewegung zu den am meisten gelesenen Schriften. Das Kapital wurde dagegen
nur von einer kleinen Minderheit zur Kenntnis genommen. Im Anti-Dühring setzte sich Engels
kritisch mit den Auffassungen Eugen Dührings, eines Berliner Privatdozenten, auseinander.
Dieser beanspruchte, ein neues, umfassendes System der Philosophie, politischen Ökono-
mie und des Sozialismus geschaffen zu haben – und fand damit in der deutschen Sozialde-
mokratie zunehmend Anhänger.
Der Erfolg Dührings beruhte auf dem in der Arbeiterbewegung stärker werdenden Bedürf-
nis nach „Weltanschauung“, nach einer Orientierung bietenden umfassenden Welterklärung,
die auf alle Fragen eine Antwort liefert. Nachdem die schlimmsten Auswüchse des Frühkapi-
talismus beseitigt waren und das alltägliche Überleben der Lohnabhängigen einigermaßen
gesichert war, entwickelte sich eine spezifisch sozialdemokratische Arbeiterkultur: in den
Arbeitervierteln entstanden Arbeitersportvereine, Arbeitergesangvereine und Arbeiterbil-
dungsvereine. Von der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft und der bürgerlichen Kultur
weitgehend ausgeschlossen entwickelte sich in der Arbeiterklasse eine parallele Alltags- und
Bildungskultur, die sich zwar von ihrem bürgerlichen Gegenüber bewusst absetzen wollte, es
aber oft unbewusst kopierte (so wurde am Ende des 19. Jahrhunderts August Bebel, der
langjährige SPD Vorsitzende, ähnlich huldvoll verehrt wie Kaiser Wilhelm II. vom Kleinbür-
gertum). In diesem Klima entstand das Bedürfnis nach einer umfassenden geistigen Orien-
tierung, die den vorherrschenden bürgerlichen Werten und Weltbildern, in denen die Arbei-
terklasse nicht oder nur ganz untergeordnet vorkam, entgegengesetzt werden konnte.
Indem nun Engels Dühring nicht nur kritisierte, sondern ihm auf verschiedenen Gebieten
auch die „richtigen“ Positionen eines „wissenschaftlichen Sozialismus“ entgegensetzen woll-

te, legte er die Grundlagen für einen weltanschaulichen „Marxismus“, der von der sozialde-
mokratischen Propaganda dankbar aufgenommen und immer weiter verflacht wurde. Seinen
wichtigsten Repräsentanten fand dieser „Marxismus“ in Karl Kautsky (1854-1938), der nach
dem Tod von Engels bis zum ersten Weltkrieg als der führende marxistische Theoretiker
galt. Was Ende des 19. Jahrhunderts in der Sozialdemokratie als „Marxismus“ dominierte,
bestand aus einer Sammlung von ziemlich schematischen Auffassungen: ein äußerst simpel
gestrickter Materialismus, bürgerliches Fortschrittsdenken, ein paar stark vereinfachte Ele-
mente der Hegelschen Philosophie und Versatzstücke Marxscher Begrifflichkeiten wurden zu
einfachen Formeln und Welterklärungen kombiniert. Besonders hervorstechende Merkmale
dieses Populärmarxismus waren ein oftmals recht kruder Ökonomismus (d.h. Ideologie und
Politik werden auf eine unmittelbare und bewusste Übersetzung ökonomischer Interessen
reduziert) sowie ein ausgeprägter historischer Determinismus (das Ende des Kapitalismus
und die proletarische Revolution werden als naturnotwendig eintretende Ereignisse betrach-
tet). In der Arbeiterbewegung verbreitet war nicht die Marxsche „Kritik der politischen Öko-
nomie“, sondern dieser „Weltanschauungsmarxismus“, der vor allem identitätsstiftend wirkte:
er zeigte, wo man als Arbeiter und Sozialist hingehörte, und erklärte alle Probleme auf denk-
bar einfachste Weise.
Eine Fortsetzung und noch weitere Verflachung dieses weltanschaulichen Marxismus er-
folgte dann im Rahmen des „Marxismus-Leninismus“. Lenin (1870-1924), zu Beginn des 20.
Jahrhunderts der einflussreichste Vertreter der russischen Sozialdemokratie, war in seinem
Denken ganz in dem gerade skizzierten Weltanschauungsmarxismus verwurzelt. Das über-
höhte Selbstverständnis dieses „Marxismus“, spricht Lenin ganz offen aus:
„Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und har-
monisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung“ (Lenin 1913, S.3f).
Politisch unterstützte Lenin vor 1914 stets das sozialdemokratische Zentrum um Karl
Kautsky gegen den von Rosa Luxemburg (1871-1919) repräsentierten linken Flügel. Der
Bruch erfolgte erst zu Beginn des ersten Weltkriegs, als die SPD den von der Regierung ge-
forderten Kriegskrediten zustimmte. Von da an nahm die Spaltung der Arbeiterbewegung
ihren Lauf: einem sozialdemokratischen Flügel, der sich in den nächsten Jahrzehnten sowohl
praktisch als auch theoretisch immer weiter von der Marxschen Theorie und dem Ziel einer
Überwindung des Kapitalismus entfernte, stand ein kommunistischer Flügel gegenüber, der
zwar eine marxistische Phraseologie und eine revolutionäre Rhetorik pflegte, aber vor allem
die innen- wie außenpolitischen Wendungen der Sowjetunion (wie etwa später den Hitler-
Stalin-Pakt) rechtfertigte.
Nach seinem Tod wurde Lenin vom kommunistischen Flügel der Arbeiterbewegung
schnell in einen marxistischen Säulenheiligen verwandelt. Seine meist aus aktuellem Anlass
entstandenen, polemischen Kampfschriften wurden als höchster Ausdruck „marxistischer
Wissenschaft“ geadelt und mit dem bereits vorhandenen „Marxismus“ zu einem dogmati-
schen System von Philosophie („Dialektischer Materialismus“), Geschichte („Historischer
Materialismus“) und politischer Ökonomie vereint, dem „Marxismus-Leninismus“. Auch diese
Variante des Weltanschauungsmarxismus diente vor allem der Identitätsbildung und in der
Sowjetunion insbesondere dazu, die Herrschaft der Partei zu legitimieren und jede offene
Diskussion zu ersticken.
Die heute allgemein verbreiteten Vorstellungen, worum es bei Marx und in der Marxschen

Theorie geht, egal ob diese nun positiv oder negativ bewertet wird, beruhen ganz wesentlich
auf diesem Weltanschauungsmarxismus. Auch viele Leser und Leserinnen dieser Einführung
dürften manche, ihnen ganz selbstverständlich erscheinende Aussage über die Marxsche
Theorie aus diesem Weltanschauungsmarxismus schöpfen. Für den Großteil dessen, was im
20. Jahrhundert als „Marxismus“ oder „Marxismus-Leninismus“ firmierte, gilt aber wohl das-
selbe, was Marx gegenüber seinem Schwiegersohn Paul Lafargue äußerte, als der ihm vom
französischen „Marxismus“ berichtete: „Wenn das Marxismus ist, dann bin ich kein Marxist“
(MEW 35, S.388).
Allerdings blieb es nicht bei diesem Weltanschauungsmarxismus. Vor dem Hintergrund
der Spaltung der Arbeiterbewegung in einen sozialdemokratischen und einen kommunisti-
schen Flügel, sowie der Enttäuschung der revolutionären Hoffnungen nach dem 1. Weltkrieg,
entwickelten sich in den 20er und 30er Jahren unterschiedliche (und unterschiedlich weit
gehende) Varianten einer „marxistischen“ Kritik am Weltanschauungsmarxismus. Sie werden
heute häufig unter dem Label „Westlicher Marxismus“ zusammengefasst.
Lange Zeit wurden von diesem westlichen Marxismus aber nur die philosophischen und
geschichtstheoretischen Grundlagen des traditionellen Marxismus, der „dialektische“ und der
„historische Materialismus“, kritisiert. Dass im Weltanschauungsmarxismus die Marxsche
„Kritik der politischen Ökonomie“ zu einer „marxistischen politischen Ökonomie“ zusammen-
geschrumpft und die umfassende Bedeutung von „Kritik“ verloren gegangen war, geriet so
richtig erst in den 1960er und 70er Jahren in den Blick. Im Gefolge der Studentenbewegung
und der Proteste gegen den US-amerikanischen Krieg in Vietnam gab es seit den 1960er
Jahren weltweit einen Aufschwung linker Bewegungen jenseits der sozialdemokratischen
oder kommunistischen Parteien der Arbeiterbewegung und auch erneute Diskussionen über
die Marxsche Theorie. Jetzt setzte auch eine tiefgreifende Diskussion der Marxschen Öko-
nomiekritik ein. Im inhaltlichen Kontext dieser „neuen Marx-Lektüre“ steht auch die vorlie-
gende Einführung.
Theorie und Kritik
Innerhalb des „weltanschaulichen“ Marxismus, von dem oben die Rede war, galt Marx als
der große Ökonom der Arbeiterbewegung, der eine „marxistische politische Ökonomie“ ent-
wickelt habe, die man der „bürgerlichen Ökonomie“ (d.h. den ökonomischen Schulen, die
sich positiv auf den Kapitalismus beziehen) entgegensetzen könne: von Adam Smith (1723-
1790) und David Ricardo (1772-1823), den wichtigsten Vertretern der sogenannten klassi-
schen politischen Ökonomie, habe Marx die Arbeitswertlehre übernommen (der Wert der
Waren werde durch die zu ihrer Produktion notwendige Arbeitszeit bestimmt), im Unter-
schied zur Klassik habe er aber eine Theorie der Ausbeutung der Arbeitskraft und der Kri-
senhaftigkeit des Kapitalismus entwickelt. In dieser Sichtweise gibt es zwischen der klassi-
schen und der marxistischen politischen Ökonomie keinen grundsätzlichen Unterschied der
Kategorien, sondern nur der Ergebnisse der Theorie.
Dies ist im Kern auch die Auffassung der modernen Volkswirtschaftslehre: für sie ist Marx
vom Gehalt seiner Theorie her ein Vertreter der klassischen Schule, der lediglich andere
Konsequenzen zieht als Smith und Ricardo. Und da für die moderne Volkswirtschaftslehre

die Klassik als überholt gilt (die moderne Theorie hat sich von der Bestimmung des Werts
durch Arbeit verabschiedet), meint der heutige Ökonom, er brauche sich mit der Marxschen
Theorie nicht mehr ernsthaft zu beschäftigen.
Wie jedoch bereits der Untertitel des Kapital deutlich macht, wollte Marx keine alternative
„Politische Ökonomie“ liefern, sondern eine „Kritik der politischen Ökonomie“. Nun beinhaltet
jeder neue wissenschaftliche Ansatz auch Kritik an den bisherigen Theorien, allein schon um
seine eigene Existenzberechtigung nachzuweisen. Marx ging es aber um weit mehr als um
eine solche Kritik. Er wollte nicht nur einzelne Theorien kritisieren (das geschieht im Kapital
natürlich auch), die Marxsche Kritik zielte vielmehr auf die gesamte politische Ökonomie: er
wollte die kategorialen Voraussetzungen einer ganzen Wissenschaft kritisieren.
Diese Kategorienkritik beginnt bereits bei der abstraktesten Kategorie der politischen Öko-
nomie, dem Wert. Marx gesteht der politischen Ökonomie zwar zu, dass sie den „Inhalt der
Wertbestimmung“, also den Zusammenhang von Arbeit und Wert, erfasst habe, die politi-
sche Ökonomie habe aber „niemals auch nur die Frage gestellt, warum dieser Inhalt jene
Form annimmt“ (MEW 23, S.95). Marx kritisiert hier nicht in erster Linie die Ergebnisse der
politischen Ökonomie, sondern bereits die Art und Weise ihrer Fragestellung, d.h. die Unter-
scheidung zwischen dem, was die politische Ökonomie überhaupt erklären will, und dem,
was sie als so selbstverständlich akzeptiert, dass es gar nicht erklärt werden muss (wie etwa
die Warenform der Arbeitsprodukte). So ging Adam Smith, der Stammvater der klassischen
politischen Ökonomie, davon aus, dass die Menschen im Unterschied zu den Tieren einen
„Hang zum Tausch“ besitzen würden. Demnach wäre es eine der menschlichsten Eigen-
schaften überhaupt, sich zu sämtlichen Dingen als Waren zu verhalten.
Gesellschaftliche Verhältnisse wie Tausch und Warenproduktion werden innerhalb der po-
litischen Ökonomie „naturalisiert“ und „verdinglicht“, d.h. gesellschaftliche Verhältnisse wer-
den als quasi-natürliche Verhältnisse, letztlich als Eigenschaft von Dingen aufgefasst (Dinge
besitzen nicht erst aufgrund eines bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhangs einen
Tauschwert, dieser soll ihnen an sich zukommen). Durch diese Naturalisierung gesellschaft-
licher Verhältnisse sieht es so aus, als hätten Dinge die Eigenschaften und die Autonomie
von Subjekten.
Derartige Verhältnisse charakterisiert Marx als „Verrücktheit“ (MEW 23, S.90), er spricht
von „gespenstischer Gegenständlichkeit“ (MEW 23, S.52) oder „okkulter Qualität“ (MEW 23,
S.169). Was dies im einzelnen bedeutet, wird in den nächsten Kapiteln noch deutlich wer-
den. Im Weltanschauungsmarxismus wie auch in der bürgerlichen Marx-Kritik sind solche
Begrifflichkeiten meistens überlesen worden, oder man sah in ihnen bloß stilistische Eigen-
heiten. Allerdings zielte Marx mit diesen Bezeichnungen auf einen für die Kritik der politi-
schen Ökonomie zentralen Sachverhalt. Die Naturalisierung und Verdinglichung der gesell-
schaftlichen Verhältnisse ist nämlich keineswegs einem Irrtum einzelner Ökonomen ge-
schuldet, sie ist vielmehr das Resultat eines Bildes, das sich bei den Mitgliedern der bürgerli-
chen Gesellschaft aufgrund ihrer Alltagspraxis ganz von selbst entwickelt. Am Ende des drit-
ten Kapital-Bandes kann Marx daher feststellen, dass die Menschen in der bürgerlichen Ge-
sellschaft in „einer verzauberten, verkehrten und auf den Kopf gestellten Welt“ (MEW 25,
S.838) leben und dass diese „Religion des Alltagslebens“ (ebd.) nicht nur die Grundlage des
Alltagsbewusstsein, sondern auch den Hintergrund für die Kategorien der politischen Öko-
nomie bildet.

Oben wurde die Frage formuliert, was „Kritik“ innerhalb der Kritik der politischen Ökonomie
bedeutet. Darauf lässt sich jetzt die vorläufige Antwort geben: Kritik zielt darauf ab, das theo-
retische Feld (d.h. die ganz selbstverständlichen Anschauungen und spontan sich ergeben-
den Vorstellungen) aufzulösen, dem die Kategorien der politischen Ökonomie ihre scheinba-
re Plausibilität verdanken; die „Verrücktheit“ der politischen Ökonomie soll deutlich werden.
Hier treffen sich Erkenntniskritik (also die Frage, wie ist Erkenntnis möglich) und die Analyse
kapitalistischer Produktionsverhältnisse: keine von beiden ist ohne die andere möglich.1
Marx beabsichtigte mit dem KAPITAL aber nicht nur eine Kritik bürgerlicher Wissenschaft
und bürgerlichen Bewusstseins, sondern auch eine Kritik der bürgerlichen Gesellschaftsver-
hältnisse. In einem Brief bezeichnete er – nicht gerade bescheiden – sein Werk als
„das furchtbarste Missile [Geschoss, M.H.], das den Bürgern (Grundeigentümer einge-
schlossen) noch an den Kopf geschleudert worden ist“ (MEW 31, S.541).
Dazu will Marx die mit der kapitalistischen Entwicklung notwendigerweise verbundenen
menschlichen und sozialen Kosten aufzeigen. Er versucht nachzuweisen: „innerhalb des
kapitalistischen Systems vollziehn sich alle Methoden zur Steigerung der Produktivkraft der
Arbeit auf Kosten des individuellen Arbeiters; alle Mittel zur Entwicklung der Produktion
schlagen um in Beherrschungs- und Exploitationsmittel des Produzenten“ (MEW 23, S.674).
Oder wie er es an einer anderen Stelle formulierte:
„Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des ge-
sellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums
untergräbt: die Erde und den Arbeiter“ (MEW 23, S.529f).
Mit diesen Aussagen ist keine moralische Kritik beabsichtigt. Marx wirft dem Kapitalismus
(oder gar den einzelnen Kapitalisten) nicht vor, irgendwelche ewigen Normen der Gerechtig-
keit zu verletzen. Er will vielmehr auf die Konstatierung eines Sachverhalts hinaus: dem Ka-
pitalismus immanent ist ein zutiefst destruktives Potential, das immer wieder von neuem ak-
tiviert wird (vgl. unten Kapitel 5 und 9). Aufgrund seiner Funktionsweise muss der Kapitalis-
mus immer wieder die elementaren Lebensinteressen der Arbeiter und Arbeiterinnen verlet-
zen. Innerhalb des Kapitalismus lassen sich diese elementaren Lebensinteressen nur be-
grenzt und temporär schützen, grundsätzlich verändern lässt sich die Lage daher nur, wenn
der Kapitalismus abgeschafft wird.
Gegen die Zumutungen des Kapitalismus führt Marx nicht ein moralisches „Recht“ auf ein
unversehrtes Leben oder etwas ähnliches ins Feld. Stattdessen hat er die Hoffnung, dass mit
der wachsenden Einsicht in die destruktive Natur des kapitalistischen Systems (die ohne
jede Anrufung einer Moral konstatiert werden kann) die Arbeiterklasse den Kampf gegen
dieses System aufnimmt – nicht aus Gründen der Moral, sondern des eigenen Interesses,
allerdings nicht eines Interesses, das innerhalb des Kapitalismus nach einer besseren Posi-
tion sucht, sondern des Interesses an einem guten und sicheren Leben, das nur jenseits des
Kapitalismus zu realisieren ist.
1
In der Geschichte des weltanschaulichen „Marxismus“ wurde (genauso wie in der bürgerlichen Marx-Kritik) die
erkenntniskritische Seite der Marxschen Argumentation meistens vernachlässigt. Erst mit der erneuten Marx-
Diskussion der 1960er und 70er Jahre wurde die erkenntniskritische Seite gegen eine ökonomistisch verkürzte
Marx-Rezeption (die in Marx immer nur den „besseren“ Ökonomen sehen wollte) in den Vordergrund gestellt.

Zyklus und Krise

Part II

Tagesseminar
„Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie, Teil 2“
Die „okkulte Qualität“ des Werts: G-W-G’
(aus: Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Stuttgart 2004, S.83-86)
Betrachten wir zunächst noch einmal die Kette W – G – W, die uns in Teil 2.2 bei der Dis-
kussion der Geldfunktionen beschäftigt hat. Der Warenproduzent hat eine Ware W mit einem
bestimmten Gebrauchswert produziert, er verkauft diese Ware und kauft mit dem erhaltenen
Geld eine andere Ware mit einem anderen Gebrauchswert. Das Geld ist definitiv verausgabt,
der Zweck des Prozesses ist der Konsum dieser zweiten Ware. Im Bedürfnis des Produzenten
findet der ganze Prozess sein Maß, und mit der Befriedigung dieses Bedürfnisses ist der Pro-
zess beendet.
Betrachten wir nun stattdessen die Kette G – W – G. Sie setzt sich aus denselben Elemen-
ten G – W und W – G zusammen wie W – G – W, nur ist die Reihenfolge anders: Jetzt wird
gekauft, um anschließend wieder zu verkaufen. Geld ist der Anfangs- und Endpunkt des Pro-
zesses. Eine Geldsumme ist von einer anderen nicht qualitativ, sondern allenfalls quantitativ
unterschieden. Die obige Zirkulationsfigur bringt nur einen Vorteil, wenn die Geldsumme am
Ende größer ist als am Anfang, wenn es sich um eine Kette G – W – G’ handelt, wobei G’
größer als G ist. Zweck des Prozesses ist jetzt die quantitative Vermehrung der ursprüngli-
chen Geldsumme. Das Geld wird nicht verausgabt (wie bei W – G – W), sondern vorgeschos-
sen; es wird nur ausgegeben, damit anschließend mehr eingenommen wird.
Eine Wertsumme, die diese Bewegung vollzieht, ist Kapital. Eine bloße Wertsumme für sich
genommen, sei es nun in Gestalt von Geld oder in Gestalt von Waren ist noch nicht Kapital.
Auch ein einzelner Austauschprozess macht aus einer Wertsumme noch nicht Kapital. Erst
die Verkettung von Austauschprozessen mit dem Zweck die ursprüngliche Wertsumme zu
vermehren, liefert uns die typische Kapitalbewegung: Kapital ist nicht einfach Wert sondern
sich verwertender Wert, d.h. eine Wertsumme, die die Bewegung G – W – G’ vollzieht.
Den bei der Kapitalbewegung erzielten Wertzuwachs, die Differenz zwischen G’ und G, be-
zeichnet Marx als Mehrwert, in der klassischen politischen Ökonomie und in der modernen
Volkswirtschaftslehre findet sich dieser Begriff nicht. Mehrwert ist nicht einfach ein anderer
Name für Profit oder Gewinn, wir werden später sehen, dass es sich tatsächlich um etwas
Unterschiedliches handelt. Allerdings müssen wir uns im Moment noch nicht mit diesen Unter-
schieden befassen (zur genauen Bedeutung von Profit vgl. Kapitel 7, zur Bedeutung von Un-
ternehmergewinn Kapitel 8).
Die Kapitalbewegung hat als einzigen Zweck die Vermehrung des vorgeschossenen Werts.
Die rein quantitative Vermehrung findet aber weder ein Maß (warum soll eine Vermehrung um
10% nicht ausreichend, eine um 20% dagegen ausreichend sein?) noch ein Ende (warum soll
nach einer einmaligen oder auch nach einer zehnmaligen Bewegung Schluss sein?). Im Un-
terschied zur einfachen Warenzirkulation W – G – W, die auf einen außerhalb der Zirkulation
liegenden Zweck zielt (Aneignung von Gebrauchswerten zur Bedürfnisbefriedigung), und die
ihr Maß am Bedürfnis und ihr Ende an der Befriedigung findet, ist die Kapitalbewegung ein
Selbstzweck, sie ist maßlos und endlos.

Betrachtet man die Warenproduktion unter Abstraktion vom Kapital, so kann man auf den
Gedanken kommen, dass der Zweck von Warenproduktion und Tausch die allgemeine Be-
dürfnisbefriedung sei: jeder befriedigt seine eigenen Bedürfnisse, indem er zunächst eine Wa-
re produziert, die die Bedürfnisse der anderen erfüllt, diese Ware gegen Geld austauscht, um
dann mit diesem Geld Waren zu erwerben, welche die eigenen Bedürfnisse befriedigen. Oder
kurz gefasst: alle befriedigen die eigenen Bedürfnisse, indem sie die Bedürfnisse der anderen
befriedigen. In dieser Weise fasst die bürgerliche Ökonomie (sowohl die klassische politische
Ökonomie als auch die moderne neoklassische Theorie) die Warenproduktion auf.
Eine kapitalistische Warenproduktion (und die Verallgemeinerung der Warenproduktion er-
folgt historisch erst unter kapitalistischen Bedingungen) ist aber nicht auf Bedürfnisbefriedi-
gung ausgerichtet, sondern auf die Verwertung des Werts. Bedürfnisbefriedigung erfolgt nur
als Nebenprodukt, sofern sie sich mit der Kapitalverwertung deckt. Zweck kapitalistischer Pro-
duktion ist der Mehrwert und nicht die Befriedigung von Bedürfnissen.
Bisher war nur von Kapital, aber noch nicht vom Kapitalisten die Rede. Kapitalist ist nicht
bereits jemand, der über eine große Wertsumme verfügt, Kapitalist ist er nur, insofern er diese
Wertsumme auch tatsächlich als Kapital verwendet, d.h. die selbstzweckhafte Bewegung des
Kapitals zu seinem eigenen, subjektiven Zweck macht:
„… nur soweit wachsende Aneignung des abstrakten Reichtums das allein treibende Motiv
seiner Operationen, funktioniert er als Kapitalist oder personifiziertes, mit Willen und Bewusst-
sein begabtes Kapital. Der Gebrauchswert ist also nie als unmittelbarer Zweck des Kapitalis-
ten zu behandeln. Auch nicht der einzelne Gewinn, sondern nur die rastlose Bewegung des
Gewinnens.“ (MEW 23, S.167f, Hervorhebung M.H.)
Eine Person ist nur dann „Kapitalist“, wenn sie „personifiziertes Kapital“ ist, d.h. in ihrem
Handeln der Logik des Kapitals (maßlose und endlose Verwertung) folgt. Dieser Kapitalist ist
dann „Personifikation einer ökonomischen Kategorie“ bzw. „ökonomische Charaktermaske“
(MEW 23, S.100).
Hier gilt Ähnliches wie das, was wir schon für die Handlungen der Warenbesitzer feststellen
konnten (vgl. Kapitel 3.2 und 3.6): eine Person verhält sich als Warenbesitzer oder Kapitalist,
insofern sie einer bestimmten Handlungsrationalität folgt. Diese Handlungsrationalität ergibt
sich aus den vorausgesetzten Formbestimmungen des ökonomischen Prozesses (den Form-
bestimmungen der Ware bzw. des Kapitals). Indem die Personen dieser Handlungsrationalität
folgen, reproduzieren sie zugleich die vorausgesetzten Formbestimmungen. In der Darstel-
lung müssen zunächst die Formbestimmungen analysiert sein, bevor man auf das Verhalten
der Personen eingehen kann.
Zwar mag ein konkreter Geldbesitzer noch andere Zwecke verfolgen als nur die Kapitalver-
wertung, dann aber agiert er nicht mehr ausschließlich als „Kapitalist“. Dass der einzelne Ka-
pitalist beständig versucht, seinen Gewinn zu vergrößern, liegt nicht in irgendwelchen psychi-
schen Eigenschaften begründet, wie etwa „Gier“, es handelt sich vielmehr um ein durch den
Konkurrenzkampf der Kapitalisten erzwungenes Verhalten. Der einzelne Kapitalist, sofern er
Kapitalist bleiben will, benötigt den wachsenden Gewinn nicht etwa für einen wachsenden
persönlichen Konsum (bei großen Kapitalien macht dieser Konsum nur einen winzigen Bruch-
teil des Gewinns aus), sondern vor allem, um seine Produktionsanlagen zu modernisieren
bzw., um neue Produkte zu produzieren, wenn es nach den alten keine Nachfrage mehr gibt.
Verzichtet er auf Modernisierung oder Veränderung, wird er bald vor dem Bankrott stehen. In
Kapitel 5.2 werden wir auf diese Zwangsgesetze der Konkurrenz zurückkommen.

Im Lauf der Zeit änderte sich einiges an der äußeren Erscheinungsform des Kapitalisten.
Der „freie Unternehmer“ des 19. Jahrhunderts, der „sein“ Unternehmen leitete und nicht selten
eine Familiendynastie begründete, wurde im 20. Jahrhundert zumindest in den Großunter-
nehmen weitgehend durch den „Manager“ ersetzt, der oft nur ein kleineres Aktienpaket, des
von ihm geführten Unternehmens besitzt. Kapitalist im Marxschen Sinne, Personifikation des
Kapitals sind sie jedoch beide: sie verwenden eine Wertsumme als Kapital.
Wenn der Kapitalist nur die Logik des Kapitals ausführt, dann ist auch nicht er, sondern das
Kapital, der sich verwertende Wert, „Subjekt“. Marx spricht in diesem Zusammenhang vom
Kapital als „automatischem Subjekt“ (MEW 23, S.169), was das Widersinnige deutlich macht:
einerseits ist das Kapital ein Automat, etwas lebloses, andererseits funktioniert es als „Sub-
jekt“, ist das Bestimmende des ganzen Prozesses.
Als das „übergreifende Subjekt“ (ebd.) des Verwertungsprozesses bedarf der Wert einer
selbständigen Form und diese Form findet er im Geld. Geld ist daher der Ausgangs- und der
Schlusspunkt des Verwertungsprozesses.
Geld war bereits innerhalb der einfachen Zirkulation die selbständige – wenn auch unzurei-
chende – Form des Werts. Als Kapital (um es nochmals zu betonen: Kapital ist weder Geld
noch Ware für sich genommen, sondern die maß- und endlose Bewegung des Gewinnens G –
W – G’) besitzt der Wert nicht nur eine selbständige Form, er ist jetzt prozessierender Wert,
„sich selbst bewegende Substanz“ (ebd.) – ein höchst merkwürdiges Subjekt mit ganz außer-
ordentlichen Fähigkeiten:
„In der Tat aber wird der Wert hier das Subjekt eines Prozesses, worin er unter dem be-
ständigen Wechsel der Formen von Geld und Ware seine Größe selbst verändert… Er hat die
okkulte Qualität erhalten, Wert zu setzen, weil er Wert ist.“ (MEW 23, S.169, Hervorhebung
M.H.)
Es scheint, als ob es der Wert selbst sei, der sich vermehrt (so manche Bank wirbt mit dem
Spruch „Lassen sie ihr Geld arbeiten“, der genau diesen Schein bezeichnet). Worauf diese
„okkulte Qualität“ beruht, ist nun zu untersuchen.
Klassenverhältnisse: „Doppelt freie“ Arbeiter
(aus: Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Stuttgart 2004, S.87-89)
Bis jetzt haben wir nur formal bestimmt, was Kapital ist: eine Wertsumme, die sich verwer-
tet, die die Bewegung G – W – G’ vollzieht. Es bleibt aber die Frage, wie diese Bewegung
überhaupt möglich ist, oder anders ausgedrückt: wo kommt der Mehrwert eigentlich her?
Innerhalb der Zirkulation wäre eine Verwertung nur dann möglich, wenn die Ware W unter
ihrem Wert gekauft oder über ihrem Wert verkauft würde. In diesem Fall kann sich die vorge-
schossene Wertsumme zwar vermehren, dem Gewinn des einen Kapitalisten steht aber auf
der anderen Seite ein gleich großer Verlust gegenüber. Gesamtgesellschaftlich hat sich die
Wertsumme nicht verändert, sie wurde nur anders verteilt, ganz ebenso, als hätte ein schlich-
ter Raub stattgefunden.
Der kapitalistische Gewinn wäre damit aus einer Verletzung der Gesetze der Warenproduk-
tion erklärt. Unterstellen wir die normalen Bedingungen von Warenproduktion und -zirkulation,
dann gehört dazu der „Äquivalententausch“: die ausgetauschten Waren sind von gleicher
Wertgröße, bzw. der gezahlte Preis ist adäquater Ausdruck der Wertgröße der Ware und
drückt nicht ein zufälliges Mehr oder Minder aus; die Waren werden „zu ihren Werten ge-

tauscht“. Ist der Mehrwert ein normales Phänomen kapitalistischer Warenproduktion und nicht
bloß eine Ausnahme, dann muss seine Existenz unter der Voraussetzung des „Äquivalenten-
tausches“ erklärt werden – und genau diesem Problem stellt sich Marx.
Zusammengefasst lautet seine Überlegung: Unterstellt man Äquivalententausch, dann kann
der Mehrwert nicht in der Zirkulation gebildet werden, also weder beim ersten Zirkulationsakt
G – W noch beim zweiten W – G’. Es muss also zwischen den beiden Zirkulationsakten mit
der Ware W eine Veränderung vorgehen. Außerhalb der Zirkulation wird aber lediglich der
Gebrauchswert der gekauften Ware konsumiert. Der Geldbesitzer muss demnach auf dem
Markt eine Ware vorfinden, deren Gebrauchswert die Eigenschaft besitzt, Quelle von Wert zu
sein, so dass der Verbrauch dieser Ware Wert schafft, und zwar mehr Wert als sie selbst kos-
tet.
Diese besondere Ware gibt es. Es ist die Ware Arbeitskraft. Mit Arbeitskraft ist die Fähigkeit
des Menschen gemeint, Arbeit zu verrichten und unter den Bedingungen von Warenprodukti-
on kann die Verausgabung von Arbeit zur Quelle von Wert werden. Verkaufe ich meine Ar-
beitskraft, dann überlasse ich diese Fähigkeit für einen bestimmten Zeitraum einem anderen.
Beim Verkauf der Arbeitskraft wird nicht der ganze Mensch verkauft (ich werde nicht zum
Sklaven), es wird aber auch nicht die Arbeit verkauft, Arbeit ist ja erst die Anwendung der Ar-
beitskraft. Dass nur die Fähigkeit zum Arbeiten und nicht die Arbeit gekauft wurde, zeigt sich
u.a. dann, wenn vorübergehend Rohstoffe fehlen und der Geldbesitzer die gekaufte Fähigkeit
nicht ausnutzen kann.
Dass der Geldbesitzer die Arbeitskraft als eine Ware auf dem Markt vorfindet, ist nicht
selbstverständlich. Zwei Bedingungen müssen dazu erfüllt sein. Erstens muss es Menschen
geben, die sich als freie Eigentümer zu ihrer Arbeitskraft verhalten können, die also in der
Lage sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Eine Sklave oder ein leibeigener Bauer ist dazu
nicht in der Lage: Die Verkäufer der Arbeitskraft müssen rechtlich freie Personen sein.
Verfügen diese Personen aber über Produktionsmittel und können selbst Waren herstellen
und verkaufen oder sich von ihren Produkten ernähren, dann werden sie ihre Arbeitskraft
wahrscheinlich nicht verkaufen. Nur wenn sie zweitens keine Produktionsmittel besitzen, also
nicht nur rechtlich frei, sondern auch noch frei von sachlichem Eigentum sind, sind sie ge-
zwungen ihre Arbeitskraft zu verkaufen, verhalten sie sich also tatsächlich zu ihrer Arbeitskraft
als einer Ware. Die Existenz dieser in doppeltem Sinne „freien“ Arbeiter und Arbeiterinnen ist
die unabdingbare soziale Voraussetzung kapitalistischer Produktion.
Der kapitalistischen Produktionsweise liegt also ein ganz bestimmtes Klassenverhältnis
zugrunde: es muss einerseits eine Klasse von Eigentümern (Geld- und Produktionsmittelbe-
sitzern) geben und auf der anderen Seite eine Klasse von weitgehend eigentumslosen, aber
rechtlich freien Arbeitern und Arbeiterinnen. Dieses Klassenverhältnis ist meistens gemeint,
wenn Marx nicht vom Kapital, sondern vom Kapitalverhältnis spricht.
Wenn bei Marx von „Klassen“ die Rede ist, dann bezieht sich dies auf die soziale Stellung
innerhalb des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, in unserem Fall auf Eigentümer von
Produktionsmitteln bzw. auf Menschen, die von diesem Eigentum ausgeschlossen sind. Bei
den durch ihre soziale Stellung bestimmten Klassen, wird aber nicht unterstellt, dass die ein-
zelnen Mitglieder einer Klasse automatisch auch ein gemeinsames „Klassenbewusstsein“
hätten oder gar ein gemeinsames „Klassenhandeln“ an den Tag legen würden. „Klasse“ ist
auf dieser Stufe der Darstellung zunächst eine rein strukturelle Kategorie; ob Klasse noch
mehr bedeutet, muss im jeweiligen konkreten Kontext untersucht werden. Wenn die moderne

Soziologie – gegen Marx – das Ende der Klassengesellschaft bereits im Kapitalismus zu er-
kennen meint, dann wird als Beleg meist das – aufgrund der Aufstiegschancen oder der „Indi-
vidualisierung“ der Gesellschaft – fehlende Klassenbewusstsein angeführt, also ein Kriterium,
das Marx bei dem strukturellen Klassenbegriff, der im KAPITAL dominiert, überhaupt nicht an-
legt. Allerdings hat der traditionelle, weltanschauliche Marxismus häufig kurzschlüssig von
einer strukturell gleichen sozialen Lage auf ein gleiches Bewusstsein und auch ein tendenziell
gleiches Handeln geschlossen. Damit wurde dann auch „Klassenherrschaft“ statt als struktu-
relles Verhältnis als ein Willensverhältnis von sozialen Klassen aufgefasst, die eine Klasse
zwingt der anderen ihren Willen auf.
Dass es dieses Klassenverhältnis – Eigentümer von Geld und Produktionsmitteln auf der ei-
nen Seite, eigentumslose, aber rechtlich freie Arbeiter und Arbeiterinnen auf der anderen Sei-
te – überhaupt gibt, ist keineswegs „natürlich“, sondern Resultat einer bestimmten historischen
Entwicklung. Diese historische Entwicklung gehört zur Vorgeschichte des Kapitalismus. Um
die grundlegenden Strukturen des Kapitalismus weiter zu analysieren, genügt es, das Resul-
tat dieser Vorgeschichte vorauszusetzen. Daher wird der historische Entstehungsprozess der
im Doppelsinne „freien“ Arbeiter auch erst am Ende des ersten KAPITAL-Bandes unter dem
Titel „Die sog. ursprüngliche Akkumulation“ skizziert: am Beispiel Englands zeigt Marx, dass
es sich dabei um einen äußerst gewaltsamen und blutigen Prozess gehandelt hat, der kei-
neswegs „über den Markt“, sondern unter tätiger Mithilfe des Staates erfolgte (angedeutet
wurde dieser Prozess oben in Kapitel 1.1 und 1.2). Allerdings ist die „ursprüngliche Akkumula-
tion“ kein einmaliger Prozess: im Zuge der weltweiten Ausbreitung des Kapitalismus, kommt
es immer wieder zu vergleichbaren Entwicklungen.
Zyklus und Krise
(aus: Michael Heinrich, Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Stuttgart 2004, S.169-175, gekürzt)
Als ökonomische Krise bezeichnet man schwere Störungen der ökonomischen Reprodukti-
on einer Gesellschaft. In einer kapitalistischen Ökonomie heißt dies, dass ein großer Teil der
produzierten Warenmenge nicht mehr absetzbar ist: nicht etwa weil kein Bedürfnis für die ent-
sprechenden Produkte bestehen würde, sondern weil kein zahlungsfähiges Bedürfnis vorhan-
den ist. Das Warenkapital lässt sich nicht mehr vollständig in Geldkapital verwandeln, so dass
sich das vorgeschossene Kapital immer schlechter verwertet und die Akkumulation abnimmt.
Damit vermindert sich die Nachfrage der kapitalistischen Unternehmen nach den Elementen
des produktiven Kapitals, Produktionsmittel und Arbeitskräfte. Massenarbeitslosigkeit und ein
Rückgang der Konsumtion der Arbeiterklasse sind die Folge, was zu einem weiteren Rück-
gang der Nachfrage führt und die Krise verschärft.
Der Kapitalismus ist zwar nicht die einzige Produktionsweise, in der neben ungeheurem
Reichtum riesige Armut existiert, er ist allerdings die einzige Produktionsweise, wo der Ü-
berfluß an Gütern ein Problem darstellt, wo unverkäufliche Güter zum Ruin ihrer Besitzer füh-
ren und es gleichzeitig Menschen gibt, denen es am nötigsten fehlt und denen es auch nicht
gelingt, das einzige, worüber sie verfügen – ihre Arbeitskraft – zu verkaufen. Denn das Kapital
benötigt ihre Arbeitskraft nicht, da es die Arbeitskraft nicht profitbringend einsetzen kann.
Seit sich im frühen 19. Jahrhundert der Industriekapitalismus zunächst in England, dann
auch in Frankreich, Deutschland und den USA durchgesetzt hatte, traten in den entwickelten

kapitalistischen Ländern Krisen in ca. 10jährigem Abstand auf. Der beschleunigten Akkumula-
tion mit hohen Profitraten und steigenden Löhnen folgten Stagnation und Krise, die schließlich
wieder in einen zunächst langsamen, dann beschleunigten Aufschwung der Akkumulation
mündeten.
Im 20. Jahrhundert setzte sich diese zyklische Entwicklung zwar fort, doch waren die Zyklen
häufig weniger ausgeprägt als früher. Dafür nahm die Bedeutung überzyklischer Entwicklun-
gen zu: so setzte mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 eine lange Phase wirtschaftlicher De-
pression ein, die erst in den frühen 1950er Jahren überwunden wurde und in Westeuropa und
Nordamerika in den langen, vor allem vom „Fordismus“ (vgl. oben Kapitel 5.5) getragenen
Aufschwung der 50er und 60er Jahre überging. Dieser „Wirtschaftswunderkapitalismus“
brachte nicht nur hohe Profitraten, sondern auch Vollbeschäftigung, steigende Reallöhne und
einen Ausbau des Sozialstaats mit sich. Zwar gab es auch in dieser Phase noch Zyklen, aber
ohne scharfe Kriseneinbrüche. Der Kapitalismus, den Marx vor Augen gehabt hatte, der von
Krisen, Arbeitslosigkeit und Verelendungsprozessen gekennzeichnet war, schien zumindest in
den kapitalistischen Metropolen überwunden zu sein. Mit der Weltwirtschaftskrise von 1974/75
änderte sich dies jedoch grundlegend: das fordistische Akkumulationsmodell mit seinen „billi-
gen“ Methoden der Produktivkraftsteigerung (Taylorismus und Massenproduktion) war an sei-
ne Grenzen geraten, die Profitraten gingen zurück, die zyklischen Bewegungen nahmen an
Stärke zu, wobei aber auch in den Aufschwungphasen die Wachstumsraten der Wirtschaft
niedrig und die Arbeitslosigkeit hoch blieben. Allerdings erholten sich die Profitraten in den
80er und 90er Jahren vor allem aufgrund stagnierender oder rückläufiger Reallöhne sowie
weitgehender Steuersenkungen für Unternehmen und Großverdiener, die in erster Linie über
den Abbau sozialstaatlicher Leistungen finanziert wurden.
Daran, dass die Entwicklung des Kapitalismus in den letzten 180 Jahren de facto krisenhaft
verlaufen ist, kann kein Zweifel bestehen. Allerdings ist umstritten, was die Ursachen dieser
Krisenprozesse waren. So wurde von den meisten Vertretern der klassischen politischen Ö-
konomie genauso wie heute von der Neoklassik bestritten, dass Krisen aus der Funktionswei-
se des Kapitalismus resultieren. Für Klassik und Neoklassik werden Krisen durch „äußere“
Einwirkungen verursacht (z.B. staatliche Wirtschaftspolitik), die kapitalistische Marktwirtschaft
„an sich“ sei aber krisenfrei. Lediglich John Maynard Keynes (1883-1946) führte zumindest die
immer wiederkehrende Massenarbeitslosigkeit auf kapitalismusimmanente Ursachen zurück
und legte damit den Grundstein zum „Keynesianismus“.
Demgegenüber versuchte Marx nachzuweisen, dass Krisen aus der kapitalistischen Pro-
duktionsweise selbst entspringen, dass ein krisenfreier Kapitalismus unmöglich ist. Allerdings
gibt es bei Marx keine zusammenhängende Krisentheorie, sondern lediglich verstreute, mehr
oder weniger ausführliche Bemerkungen, die dann in der marxistischen Tradition zu ganz un-
terschiedlichen Krisentheorien verarbeitet wurden.
Bereits bei der Analyse des Geldes als Zirkulationsmittel hatte Marx in der Vermittlung des
Tausches durch Geld die allgemeine Möglichkeit der Krise ausgemacht: Man kann die eigene
Ware verkaufen, ohne mit dem eingenommenen Geld neue Ware zu kaufen, indem man das
Geld festhält, wird der Reproduktionszusammenhang unterbrochen (MEW 23, S.127f, vgl.
oben Kapitel 3.7). Zu erklären ist allerdings, warum aus der bloßen Möglichkeit der Krise eine
wirkliche Krise wird, warum der Reproduktionszusammenhang tatsächlich unterbrochen wird.
Von den verschiedenen Marxschen Ansätzen zur Beantwortung dieser Frage (vgl. ausführlich
dazu Heinrich 1999, S.341-370) spielte im traditionellen Marxismus vor allem eine an das

„Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate“ (vgl. oben Kapitel 8.3) angelehnte Überlegung
eine wichtige Rolle: aufgrund der fallenden Profitraten werde irgendwann auch die Masse des
Profits fallen, so dass sich die Akkumulation immer weiter verlangsamen und schließlich zur
Krise führen werde. Diese scheinbar enge Verbindung von Krisentheorie und „Gesetz des
tendenziellen Falls der Profitrate“ stand dann meistens auch hinter der vehementen Verteidi-
gung dieses Gesetzes. Die entscheidenden krisentheoretischen Argumente sind bei Marx
jedoch völlig unabhängig von diesem „Gesetz“.
Als grundlegende Tendenz kapitalistischer Entwicklung hatte Marx bereits im ersten Band
des KAPITAL die Produktion des relativen Mehrwerts aufgezeigt: die Senkung des Werts der
Arbeitskraft durch Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit. Und die wichtigste Methode zur
Entwicklung der Produktivkraft ist die Einführung immer weiter verbesserter Maschinerie (vgl.
oben Kapitel 5.2-5.3). Der Kosten sparende Einsatz von Maschinerie ist aber in der Regel mit
einer Ausweitung des Produktionsumfangs verbunden. Die Produktivkraftsteigerung geht da-
her mit einer Vergrößerung der produzierten Gütermenge einher, die durch die Zwänge der
Konkurrenz (möglichst der erste zu sein, der den Markt mit Produkten überschwemmt; der
Entwertung der Produktionsmittel durch ihre möglichst schnelle produktive Vernutzung zuvor
zu kommen etc.) noch verstärkt wird. Dieser tendenziell unbegrenzten Ausdehnung der Pro-
duktion steht aber, wie Marx im dritten Band des KAPITAL deutlich macht, eine mehrfach be-
grenzte Konsumtionskraft der Gesellschaft gegenüber (vgl. vor allem MEW 25, S.253ff).
Die gesellschaftliche Konsumtion beschränkt sich nicht auf die individuelle Konsumtion der
Endverbraucher. Sie setzt sich aus dem Konsum der Arbeiterklasse, dem Luxuskonsum der
Kapitalisten und den Investitionen (Ersatzinvestitionen, die verbrauchte Maschinerie ersetzen,
und Erweiterungsinvestitionen, bei denen zusätzliche Produktionsmittel angeschafft werden,
also Kapital akkumuliert wird) zusammen.
Der Konsum der Arbeiterklasse wird durch die Logik der Kapitalverwertung beschränkt: die
Kapitalisten versuchen die Löhne möglichst niedrig zu halten und die Zahl der beschäftigten
Arbeitskräfte ebenfalls, da für den einzelnen Kapitalisten der Lohn lediglich ein Kostenfaktor
ist. Die „unterkonsumtionstheoretische“ Begründung der Krisentheorie bezieht sich vor allem
auf diese beschränkte Konsumtionskraft der Arbeiterklasse. Als Erklärung für die Existenz von
Krisen ist das Argument zu niedriger Löhne und der aus ihnen resultierenden „Nachfragelü-
cke“ aber unzureichend: die Löhne sind immer kleiner als der Gesamtwert des Produkts (die-
ser Gesamtwert ist gleich c + v + m, die Löhne sind nur gleich v), sie reichen – egal ob hoch
oder niedrig – als Nachfrage für das Gesamtprodukt niemals aus.
Zur Nachfrage der Arbeiterklasse kommt stets noch die Luxusnachfrage der Kapitalisten
(die allerdings gesamtwirtschaftlich gesehen relativ gering ist, so dass wir sie hier vernachläs-
sigen) und die Investitionsnachfrage hinzu. Letztere ist die entscheidende Variable: von ihr
hängt direkt die Nachfrage des Kapitals nach zusätzlichen Produktionsmitteln ab und indirekt
die weitere Entwicklung des Konsums der Arbeiterklasse, insofern nämlich als zusätzliche
Arbeitskräfte eingestellt werden oder nicht. Ob die Investitionen in produktives Kapital (Pro-
duktionsmittel und Arbeitskräfte) aber hoch oder niedrig sind, hängt einerseits von den Profit-
erwartungen ab – werden lediglich geringe Profite erwartet, dann werden Investitionen zurück-
gehalten -, andererseits von dem Vergleich zwischen (erwarteter) Profitrate und Zinssatz:
zwar nicht die Kapitalistenklasse als Ganze, aber der einzelne Kapitalist hat immer die Wahl,
ob er sein Kapital in produktivem Kapital investieren, oder ob er es als zinstragendes Kapital
verwenden will. Je höher der Zinssatz oder je stärker die Erwartung steigender Börsenkurse

desto mehr wird in fiktives Kapital statt in produktives investiert.
Kapitalistische Produktion und kapitalistische Konsumtion sind also nicht nur ganz unter-
schiedlich bestimmt, ihre Bestimmungsmomente verhalten sich geradezu gegensätzlich: einer
tendenziell unbegrenzten Produktion steht eine (nicht durch die Bedürfnisse, sondern durch
die Logik der Verwertung) begrenzte Konsumtion gegenüber. Die Konsequenz ist die Ten-
denz zur Überproduktion von Waren (Überproduktion gemessen an der zahlungsfähigen
Nachfrage) und zur Überakkumulation von Kapital (akkumuliertes Kapital, das sich nicht oder
nur noch schlecht verwertet), was schließlich zur Krise führen muss: die Reproduktion gerät
ins Stocken, investiertes Kapital wird entwertet oder sogar gänzlich vernichtet, die am wenigs-
ten profitablen Produktionsstätten werden geschlossen, die am wenigsten profitablen Einzel-
kapitale gehen bankrott, Arbeitskräfte werden entlassen und mit steigender Arbeitslosigkeit
nehmen auch die Löhne ab. Krisen sind also enorm zerstörerische Prozesse: gesellschaftli-
cher Reichtum wird vernichtet, und die Lebensverhältnisse einer großen Zahl von Menschen
verschlechtern sich erheblich.
Allerdings sind es gerade diese destruktiven Momente, die auf gewaltsamem Wege das
Mißverhältnis von Produktion und gesellschaftlicher Konsumtion beseitigen. Krisen haben
nicht nur eine zerstörerische Seite, für das kapitalistische System als Ganzes sind sie durch-
aus „produktiv“: Die Vernichtung der unprofitablen Kapitale vermindert die Produktion, die
Entwertung des noch fungierenden Kapitals und die niedrigen Löhne steigern die Profitrate
der verbleibenden Kapitale. Schließlich sinken auch wieder die Zinsen, da die Nachfrage nach
Leihkapital zurückgeht. Das alles zusammen macht den Weg frei für einen neuerlichen Auf-
schwung, der häufig noch durch die Einführung technischer Neuerungen unterstützt wird: es
werden dann verstärkt neue Maschinen nachgefragt, was die Investitionen in Abteilung I (dem
Produktionsmittel produzierenden Sektor) ankurbelt und als Folge zunehmender Beschäfti-
gung auch die Akkumulation in Abteilung II (dem Konsumtionsmittel produzierenden Sektor)
beschleunigt. Ein neuer Aufschwung beginnt, der schließlich wieder in die nächste Krise mün-
det.
Krisen sind also nicht nur zerstörerisch, vielmehr wird in Krisen die Einheit von Momenten,
die (wie Produktion und Konsum) zwar zusammengehörig, aber gegeneinander verselbstän-
digt sind (Produktion und Konsum gehorchen unterschiedlichen Bestimmungen) gewaltsam
wieder hergestellt. Dass Krisen gerade durch ihre Zerstörungen diese positiven Leistungen für
das kapitalistische System erbringen, darauf weist Marx immer wieder hin (z.B. MEW 42,
S.360, MEW 26.2, S.501, MEW 25, S.259, 316).
Auch wenn der Krisenmechanismus im allgemeinen durchschaut ist, kann die Krise nicht
einfach verhindert werden. Zum einen zwingt der Druck der Konkurrenz die einzelnen Kapita-
listen zu einem bestimmten Verhalten, selbst wenn sie wissen, dass dieses Verhalten insge-
samt zerstörerisch wirkt – nur kann eben keiner individuell aussteigen, die einzige Hoffnung
besteht darin, selbst einigermaßen ungeschoren davon zu kommen.1 Zum anderen ist der
Punkt des Krisenzyklus, an dem man sich gerade befindet, nie mit Sicherheit zu bestimmen.
Befindet sich die Wirtschaft noch im Aufschwung und wird dieser eine Weile andauern, so
dass sich eine Ausweitung der Produktion noch lohnt, oder ist der Zustand der Überprodukti-
on gerade erreicht und wird sich demnächst in einem Absatzeinbruch bemerkbar machen?
1 Vor Jahren erhöhte mitten in einer Krise des Automarktes BMW seine Produktionspläne. Von Journalisten darauf
angesprochen, erklärte der damalige Vorstandsvorsitzende von BMW, er wisse sehr wohl, dass es insgesamt zu
viele Autos auf dem Markt gäbe, allerdings gäbe es zu wenige BMWs.

Gerade die beständige Entwicklung der Produktivkräfte, die Einführung neuer Produktionsme-
thoden, zu der jedes Unternehmen gezwungen ist, wenn es sich auf dem Markt behaupten
will, führt zur Verschiebung der Nachfrageströme. Neue Branchen entstehen, alte verschwin-
den oder verlieren an Bedeutung, Maschinen und Rohstoffe, die bis vor kurzem noch von Be-
deutung waren, sind es nicht mehr, alte Unternehmen werden entwertet, neue entstehen, a-
ber ohne dass klar ist, ob sie wirklich in dem erwarteten Ausmaß Profit abwerfen. Das einzige
was in diesen ökonomischen Stürmen gewiss ist, ist die Ungewissheit. Und die einzige Mög-
lichkeit, unter diesen Umständen als Kapitalist zu überleben, ist alle Möglichkeiten zu nutzen,
um den Profit zu steigern, egal welche Auswirkungen dies hat. Innerhalb des Kapitalismus
lassen sich Krisen nicht vermeiden, selbst wenn man mehr oder weniger gut durchschaut,
aufgrund welcher Entwicklungen es zu Krisen kommt.